Große Knarre, kleiner Schwanz?

Kaum vorstellbar, dass dieses unspektakuläre Hindernis die USA von Mexiko trennt. Einmal Räuberleiter, und schwupp ist man drüben 😉 Irgendwie hätte ich zumindest eine Ladung NATO-Draht auf der Mauer erwartet, bei der Panik, die die Amerikaner vor illegalen Einwanderern aus Mexiko haben:

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Wie viel wird wohl an der Grenze los sein? Bei der Einreise nach Mexiko vor 5 Monaten sind wir praktisch ohne Wartezeit durchgefahren. Jetzt, wo es wieder zurück in die USA geht, werden wir uns – selbst bei einem nicht so stark frequentierten Grenzübergang wie Tecolote - auf längere Wartezeiten einstellen müssen, das ist uns klar, als wir die Blechkolonne vor uns sehen.

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Keine Ahnung, wie weit es von hier aus noch bis zur Grenze ist, wir können leider nicht sehen, was hinter der Kuppe ist. Geschäftstüchtig wie sie sind, nutzen einige Mexikaner die Gelegenheit, den wartenden Autofahrern ein paar Erfrischungen und ein bisschen Kitsch zu verkaufen:

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Als wir dann endlich die Kuppe erreichen, stellen wir frustriert fest, dass die Schlange vor uns mindestens noch mal so lang ist wie die hinter uns…

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Naja, wir können an der Situation sowieso nichts ändern, also drehen wir einfach das Radio auf und stimmen uns mit Musik von Johnny Cash auf die nächsten Monate in den USA ein. Zum Glück haben wir ja keinen Zeitdruck 😉

Als wir endlich den Grenzübergang erreichen, macht sich dann doch eine gewisse Aufregung bemerkbar. Man ist ja der Willkür der Grenzbeamten total ausgeliefert und wir hoffen, dass wir heute Glück haben und einen gut gelaunten Officer antreffen.

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Für Wohnmobile, Busse, Trailer und Trucks gibt es eine eigene Spur, in der wir uns brav einreihen:

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Als wir an der Reihe sind, grüßen wir den Officer freundlich und überreichen ihm unsere Pässe. Ich lächle ihn an, bekomme aber kein Lächeln zurück. Poker-Face.

Er prüft kurz unsere Pässe und fordert uns anschließend mit ernster Miene auf, aus dem Wohnmobil auszusteigen. Höflichkeitsfloskeln wie „Bitte“ oder „Danke“ spart er sich komplett. Ich habe das Gefühl, dass die Chemie zwischen uns irgendwie nicht passt. Das kann ja heiter werden …

Der Officer will unser Wohnmobil durchsuchen. Auf meine Bitte, ob er dabei die Schuhe ausziehen könnte, reagiert er überhaupt nicht. Schade, bei den mexikanischen Kontrollen hat das immer ganz gut funktioniert. Sie haben zwar auch nicht die Schuhe ausgezogen, aber zumindest sind sie damit nicht durch das ganze Womo gelaufen. Ich ziehe mich beleidigt zurück, sage aber kein Wort mehr. Brauche ich auch nicht, denn nun diskutiert Tom mit ihm.

Der Grenzbeamte möchte während der Durchsuchung alleine im Womo sein, was uns natürlich überhaupt nicht passt. Schließlich leben wir in diesem Wohnmobil, es ist unser Zuhause. Die Vorstellung, dass er unbeaufsichtigt in unserer Privatsphäre herumschnüffelt, gefällt uns überhaupt nicht, was Tom auch ziemlich deutlich zum Ausdruck bringt. Er möchte von dem Officer wissen, warum er nicht dabei sein darf. „Aus Sicherheitsgründen“, erwidert der Beamte mürrisch und legt eine Hand demonstrativ auf das Holster seiner Dienstwaffe. Tom könnte ihn ja während der Untersuchung überfallen oder ihm sonst was antun …

Ich verstehe.

Es wimmelt hier von Polizei, Kameras und bis an die Zähne bewaffneten Soldaten - da ist die Gefahr, überfallen zu werden, für die Jungs natürlich besonders groß … Bei diesem Exemplar hier stellt sich mir die Frage, ob seine übertriebene Macht- und Dienstwaffendemonstration nicht einfach nur dazu dient, um vorhandene  Potenzprobleme zu kompensieren?

Wie auch immer - Tom lässt nicht locker und ich habe das Gefühl,  das wird gerade zu einer Prinzipsache. Der Officer ist sichtlich genervt, gibt aber auch nicht nach. Er geht einfach ins Womo und Tom folgt ihm unbeeindruckt. Das gefällt dem Beamten gar nicht … Er fordert Tom ziemlich unfreundlich auf, das Wohnmobil wieder zu verlassen. Aaaaaah!!! Das kann ja heiter werden!

Natürlich weiß Tom auch, dass es keinen Sinn macht, mit den US-Beamten zu diskutieren. Die machen sowieso, was sie wollen. Unser Ziel ist es, diese Grenze möglichst ohne große Zwischenfälle zu überqueren, also geht Tom wieder raus, bleibt aber an der Tür stehen, um aus „sicherer“ Entfernung beobachten zu können, was der Officer im Womo macht.

Anscheinend gefällt es dem Officer nicht, beobachtet zu werden – zumindest ist er sehr schnell fertig mit seiner Inspektion.

Jetzt müssen wir rein und den ganzen Papierkram erledigen. Obwohl wir ein 10-Jahres-Visum für die USA in unseren Pässen haben, bedeutet das noch lange nicht, dass wir rein und raus können, wie wir möchten. Das Visum ermöglicht uns lediglich eine vereinfachte Einreise. Wie lange wir aber letztendlich am Stück in den USA bleiben dürfen, entscheidet der Grenzbeamte nach eigenem Ermessen. In der Regel sind das bei unserem Visum immer 6 Monate, danach muss man für eine „angemessene Zeit“ das Land wieder verlassen, bevor man erneut für 6 Monate einreisen darf.

Das normale Touristen-Visum gibt ja vor, dass man nach Ablauf von 90 Tagen den amerikanischen Kontinent verlassen muss, bevor man nach einer „angemessenen“ Zeit wieder einreisen darf. Mit unserem Visum ist auch diese Prozedur vereinfacht. Wir müssen alle 6 Monate einfach nur die USA verlassen und z.B. nach Mexiko oder Kanada fahren. Aber wann könnten wir wieder einreisen? Was ist angemessen?

Wir wollen es genau wissen und fragen den Beamten am Schalter – nachdem wir von ihm den üblichen 6-Monats-Stempel erhalten haben - was er denn als „angemessen“ erachten würde. Er will jedoch nicht so richtig mit der Sprache herausrücken.

„Was wäre, wenn wir nach Ablauf der 6 Monate das Land für eine Woche verlassen würden?“, will Tom wissen. „Würden Sie uns dann wieder reinlassen?“

Der Beamte schüttelt den Kopf.

„Zwei Wochen?“ Tom lässt nicht locker.

Erneutes Kopfschütteln.

Bei drei Wochen lässt sich der Officer ein „Vielleicht“ entlocken. Naja, zumindest haben wir jetzt eine grobe Hausnummer, auch wenn jeder Beamte eine andere Vorstellung von „angemessen“ hat. Fakt ist: Je größer die Abstände zwischen Ausreise und Wiedereinreise, desto einfacher wird es.

Und falls wir merken, dass wir mit den 6 Monaten nicht auskommen, könnten wir beim Immigration Service USCIS immer noch eine Verlängerung beantragen. Ok. Gut zu wissen.

Nachdem alles geregelt ist und wir die Gebühr (12 US$) bezahlt haben, können wir endlich weiterfahren. Aber nur ein paar Meter, bis zum nächsten Parkplatz:

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Eigentlich dürfen wir hier gar nicht stehen …

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… aber wir müssen unser Wohnmobil ja irgendwo abstellen, da wir noch mal nach Mexiko laufen müssen, um dort unsere Besucherkarte zurück zu geben, die wir vor 5 Monaten bei der Einreise erhalten haben.

Und danach geht es (diesmal zu Fuß und vergleichsweise unbürokratisch) erneut durch die amerikanische Grenzkontrolle:

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Alles in allem hat die Grenzüberquerung (inklusive Wartezeit) 1,5 Stunden gedauert. In Tijuana hätten wir locker dreimal so lange gebraucht…

Also, alles richtig gemacht! 🙂 Jetzt können wir uns auf eine (hoffentlich) schöne Zeit in Kalifornien freuen.

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Wir haben uns zum Übernachten einen Walmart-Parkplatz in Chula Vista (Ortsteil von San Diego) herausgesucht und machen uns nun auf den Weg:

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Dass bei unserem Aufenthalt in den USA gar nichts so laufen wird, wie wir es geplant haben, ahnen wir zu dem Zeitpunkt noch nicht …


>>> So hat alles angefangen: 1 bis 2 Jahre Nordamerika – die Idee

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