Die Spuren der Verwüstung

Unser Ziel ist die Playa La Gringa, ein wunderschöner Sandstrand 11,3 km nördlich vom Zentrum der Bahia de Los Angeles entfernt.

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Von anderen Reisenden wissen wir, dass nur die ersten 4,8 km ­
asphaltiert sind, der Rest ist Schotterpiste. Wir entschließen uns, einfach mal zu schauen wie weit wir kommen. Nachdem der Asphalt aufhört, fahren wir noch 2 Kilometer über eine Schotterpiste. Nach insgesamt ca. 7 km wird aus der Schotter- eine Sandpiste. Und genau hier ist der Punkt gekommen, wo wir unser Glück nicht herausfordern wollen. Denn ein knapp 11m langes und 12 Tonnen ­
schweres Auto hat ohne Allrad und entsprechende Reifen hier nichts mehr zu suchen. Wir drehen um und fahren zurück.
Hm... Umdrehen? Nur wo? Kein Wendeplatz weit und breit. Also fahren wir im wahrsten Sinne des Wortes zurück. Nämlich Rückwärts. Nach ca. 2 Kilometern (!) kommen wir wieder auf die Asphaltstraße und finden hier eine Möglichkeit zum Wenden. Endlich. Das Wendemanöver „Wenden in 3 Zügen“, so wie wir es aus der Fahrschule kennen, modernisieren wir ein wenig und machen daraus ein „Wenden in unendlich vielen Zügen“. Hauptsache, wir bleiben nicht im weichen Sand neben der Straße stecken. Daher lassen wir die Hinterräder immer schön auf dem Asphalt. Es reicht, wenn die Vorderräder teilweise gut einsinken 🙂


Es ist mittlerweile kurz vor Sonnenuntergang und da wir nicht
wissen, wie die Straßenverhältnisse nach dem Hurrikan sind, wollen wir heute lieber in der Stadt übernachten und alles andere morgen bei Tageslicht erkunden.

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Wir stellen uns direkt an die Straße gegenüber einem Militär-
stützpunkt und entscheiden spontan, hier zu bleiben – das dürfte der sicherste Platz im Ort sein.

Am nächsten Morgen sehen wir, dass wir nicht die einzigen sind.


Zwei französische Fahrzeuge stehen wenige Meter von uns entfernt direkt am Sportplatz. Wir freuen uns, wieder andere Fernreisende kennenzulernen und gehen direkt zu Ihnen runter. Es stellt sich
heraus, dass sich die beiden Fahrzeuge untereinander nur wenige Tage vorher zufällig getroffen und kennen gelernt haben. Da wir uns sehr für das Expeditionswohnmobil interessieren, unterhalten wir uns sehr angeregt mit Jean. Wir erfahren, dass Jean und Sylvie aus Frankreich aufgebrochen sind, als Luka gerade mal 1 Jahr alt war. Heute ist er schon fast 4 Jahre alt. Soviel zum Thema „mit Kindern kann man das nicht machen“. Die Geschichte Ihres Trucks ist kaum zu glauben. Es handelt sich um ein ehemaliges Müllfahrzeug. Jean hat alles selbst entwickelt und sogar die Kabine selber gebaut. Nein, nicht nur selber ausgebaut, sondern auch tatsächlich den „Kasten“ wirklich selber entworfen und gebaut. Da er ganz spezielle­
Vorstellungen an Maße, Form und Wärmedämmung, und keine 500.000,- Euro zur Verfügung hatte, denn so viel Geld hätte dieses Gefährt in etwa bei einem namhaften Hersteller gekostet, baute er es sich kurzerhand selbst. Er zeigt mir viele Details wie sein "All-In-One-Dusch-WC", worauf er sehr stolz ist. Bei den meisten Wohnmobilen, welche Dusche/ WC in einer Kabine haben, ist nach dem Duschen auch die Toilette patschnass und das Putzen ist ein Krampf. Jean hat daher seine Toilettenschüssel auf eine Schiene gebaut, so dass diese während des Duschens einfach hinter einer kleinen Klappe in der Wand verschwindet. Einfach genial. Leider machen die Drei sich gerade wieder auf den Weg. Gerne hätte ich noch Detail­
fotos von einigen weiteren genialen Lösungen gemacht. Aber wer weiß, vielleicht sehen wir uns ja noch mal wieder. Die Welt ist ja schließlich auch nur ein Dorf 🙂

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Da es mal wieder an der Zeit ist ein Lebenszeichen Richtung Heimat zu senden, machen wir uns auf die Suche nach Internet. Dieses finden wir in dem kleinen Park gegenüber der Polizei. Da wir aber nicht gerade einen Geschwindigkeitsrausch bekommen und die Skype-Telephonie mehr zum Buchstabieren wird, suchen wir uns eine andere Möglichkeit und finden im nahegelegenen Hotel/
Restaurant recht gutes Internet – und einen unverschämt guten heißen Kakao 🙂


Anschließend kaufen wir noch schnell eine Kleinigkeit im Supermarkt ein, laden danach unser Motorrad ab und erkunden die
Gegend.


Wir fahren durch den Ort und anschließend noch ca. 10km weiter Richtung Süden. Die Straße schlängelt sich bergauf und bergab grob an der Küste entlang.

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Die vereinzelten Häuser und deren Vorgärten geben uns das Gefühl, durch die Kulisse eines Wildwest-Films zu fahren.


Als wir am Wohnmobil zurück sind, fällt mir erst mal der große Platz neben dem Militärstützpunk auf. Wirklich groß. Und sandig. Schöner, fester Sand. Und plötzlich…
Er ruft zu uns herüber: „Sandbahn. Ich bin eine Sandbahn. Mir ist langweilig. Ich will aufgewühlt werden.“ Da ich das Wimmern und Flehen nicht länger aushalte, schwinge ich mich auf unsere Enduro. Wir drei haben sichtlich Spaß. Die Sandbahn wird aufgewühlt. Die Honda XR lässt ihrem 650er Einzylinder freien Lauf und gräbt ihr grobes Profil immer tiefer in den Sand. Und ich? Ich fühle mich wieder wie im wilden Westen und versuche meine über 60 Benzin-­
pferde während des Rodeos im Zaum zu halten. Es macht einfach einen Höllenspaß 🙂


Nachdem wir uns ausgetobt haben, gehen wir noch mal ins
Restaurant. Die heiße Schokolade war so gut, dass ich noch eine weitere möchte 🙂 Wir kommen mit dem Besitzer ins Gespräch und wir fragen ihn nach dem Hurrikan, da Teile der Ortschaft immer noch deutliche Verwüstungsspuren aufzeigen.

Wir erfahren, dass in der Ortschaft 130 Häuser völlig zerstört und zum Großteil sogar einfach ins Meer gespült wurden. Denn ein
Hurrikan ist nicht „nur“ ein schwerer Sturm, so wie es oft angenommen wird. Es handelt sich vielmehr um einen unvorstellbaren Sturm mit Sintflutartigen Regenfällen. Die Gegenstände, welche nicht „bombenfest“ im Boden verankert sind, werden vom Sturm einfach weggefegt. Die unvorstellbaren Wassermassen, welche der Regen mitbringt, sammeln sich in Vertiefungen der Täler, werden zu einem gigantischen und reißenden Strom und vernichten alles, was sich
ihnen in den Weg stellt. Dort haben dann auch „bombenfeste“
Verankerungen keine Chance mehr dieser Gewalt zu trotzen. Wie durch ein Wunder gab es aber keinen einzigen Toten!


Am nächsten Tage machen wir uns wieder auf den Weg. Es geht zurück auf die Mex 1 Richtung Süden…

>>> So hat alles angefangen: 1 bis 2 Jahre Nordamerika – die Idee

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