Die Selbstmord-Brücke

Wir machen uns auf den Weg zum nahe gelegenen Marinestützpunkt „Naval Air Station North Island“. Evan Young, den wir mit seiner Frau Sarah ebenfalls auf dem Ignite-Event kennen gelernt haben, hatte mit Tom - bedingt durch dessen militärische Vergangenheit und seine Leidenschaft fürs Fliegen – natürlich viel Gesprächsstoff. Da Evan bei den hiesigen „Marine-Fliegern“ stationiert ist, lädt er uns zu einer kleinen Privatführung auf die Base ein.

„Was ist denn dein Dienstgrad?“, will ich wissen.

“I am a petty officer first class aviation mechanic with helicopter support combat squadron three”, erwidert er.

Aaaaah ja. Alles klar. Ich nicke wissend, habe aber ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung, wovon er spricht. Naja, muss er ja nicht wissen 😉 Später google ich ein bisschen und erfahre, dass er Unteroffizier ist uns sein Dienstgrad am ehesten mit den Maaten der Deutschen Marine vergleichbar ist. Man lernt nie aus ...

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Wir dürfen uns überall umschauen und bekommen alles ganz genau erklärt. Besonders beeindruckt sind wir von der 317m (!) langen USS Carl Vinson (CVN-70), einem nukleargetriebenen Flugzeugträger der US Navy, auf dem bis zu 85 Luftfahrzeuge (Aufklärungsflugzeuge, Jagdbomber, Hubschrauber, Tankflugzeuge) Platz haben:

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Es gibt natürlich noch viel mehr zu sehen, und Evan platzt förmlich vor stolz, während er uns seinen Arbeitsplatz zeigt. Wir dürfen leider nicht alles fotografieren, aber ein paar Schnappschüsse sind dennoch erlaubt:

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Mit einigen Exemplaren dürfen wir sogar etwas näher auf Tuchfühlung gehen:

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…und zum Schluss wird noch ein bisschen Eingekauft für die Sammlung „Tarnhosen der verschiedenen Einheiten“:

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Nach dieser Marathon-Besichtigung haben wir richtig Lust, uns für ein paar Stunden irgendwo am Strand zu entspannen. Offensichtlich sind wir nicht die Einzigen mit dieser Idee:

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Wir überlegen es uns anders und beschließen, erstmal wieder zurück zu „unserer“ Bibliothek zu fahren und noch mal dort zu übernachten.

Plötzlich rutscht mir das Herz in die Hose…

Um wieder nach Chula Vista zu kommen, müssen wir über die fast 3,5km lange „San Diego Coronado Bay Bridge“ fahren:

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So weit so gut. Die ersten paar Meter unterhalte ich mich noch relativ entspannt mit Tom. Naja, was heißt „unterhalten“ – ich rede, Tom schweigt. Er schaut hochkonzentriert auf die Straße und bevor ich noch was sagen kann, wird mir plötzlich bewusst, dass wir mit unserem Womo Schräglage haben. Ich schaue aus dem Fenster und blicke in einen tiefen Abgrund! Links und rechts von uns geht es 60 Meter in die Tiefe!

Scheiße!!!

Mir verschlägt ´s die Sprache und ich merke, wie mein Herz beginnt, schneller zu schlagen. Ich kralle meine Fingernägel in den Sitz und fange leise an zu beten … Lieber Gott, lass uns das hier heil überstehen! Lass uns bitte nicht abstürzen!

Waren die Ingenieure denn besoffen, als sie die Pläne für die Brücke entworfen haben?

Die Mischung aus einer 80-Grad-Kurve und einer gleichzeitigen Steigung von fast 5% mag gar nicht so abenteuerlich klingen, wenn man mit einem normalen Auto unterwegs ist. Will man diese Strecke aber mit einem 12m- und 12-Tonnen-Schlachtschiff wie unserem Fred „überbrücken“ (im wahrsten Sinne des Wortes), dann spürt man sehr deutlich den Adrenalinanstieg im Blut …

Die nur 86cm hohen Geländer sind für uns fast unsichtbar – aus unserer Perspektive gibt es sie gar nicht. Eine falsche Bewegung, und wir sind tot, das ist das einzige, woran ich die ganze Zeit denken muss …

Naja, wenigstens will ich für die Nachwelt unsere letzten Eindrücke festhalten:

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Die Coronado Bay Bridge ist eine der Brücken mit den meisten Selbstmorden in den USA. Um die Zahl der Suizide zu verringern, wurden auf der Brücke in regelmäßigen Abständen Schilder mit Notrufnummern angebracht. Die Präsenz dieser Schilder trägt jedoch nicht gerade dazu bei, dass mein Puls sich beruhigt …

Trotz meiner schlottrigen Knie muss ich jedoch zugeben, dass die Aussicht von hier oben gigantisch ist:

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Und plötzlich stehen wir wieder gerade! Als ich realisiere, dass wir das Schlimmste hinter uns haben und wir dabei auch noch unversehrt geblieben sind, fällt mir ein riesiger Stein vom Herzen! Ich bedanke mich brav bei meinen Schutzengeln, die fleißig Überstunden gemacht haben, aber vor allem bin ich dankbar für meinen Mann, der einmal mehr unter Beweis gestellt hat, was für ein phantastischer Fahrer er ist. Das muss an der Stelle auch mal gesagt werden. Ich hätte mich nie im Leben getraut, mit unserem Wohnmobil über diese Brücke zu fahren. NIEMALS!

Als wir wieder an unserem Stammplatz an der Bibliothek stehen, erhalten wir einen erfreulichen Anruf. Das Ersatzteil für unsere Rückfahrkamera ist eingelötet! Jetzt schlägt die Stunde der Wahrheit! Werden wir nach so langer Zeit endlich wieder sehen können, was hinter uns passiert?

Tom baut alles zusammen und startet dann den Motor …

Trommelwirbel!!!

Der Monitor geht an und anstelle des üblichen (Schnee-)Flimmerns erscheint plötzlich ein glasklares Bild! Yippieh!!!

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Wir bleiben noch eine Nacht hier in Chula Vista und beschließen, morgen weiter zu fahren und der Einladung von Adisa zu folgen. Adisa und Dima wohnen im benachbarten Stadtteil National City – gerade mal 13km von unserem jetzigen Standort entfernt:

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>>> So hat alles angefangen: 1 bis 2 Jahre Nordamerika – die Idee

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4 thoughts on “Die Selbstmord-Brücke”

  1. Danke für den feinen Bericht aus San Diego! Die Coronado Bay Bridge kenne ich aus vielen Überquerungen (hab' ein paar Jahre in der Gegend gewohnt), und auch die Navyflieger sind mir wohl bekannt. Ich durfte mehrmals den Flugtag auf der Marine Corps Air Station Miramar miterleben und im Organisationsteam mitarbeiten.

    Danke für die schönen Erinnerungen!

    1. Hallo Kris,
      wie schön, dass wir bei Dir ein paar schöne Erinnerungen wecken konnten! In einem der nächsten Berichte geht es in der Tat um die Hammer-Flugshow in Miramar, die wir ebenfalls besucht haben. Es kann also sein, dass noch ein paar alte Top-Gun Erinnerungen geweckt werden 😉
      Was hast Du denn in SD gemacht? Warst Du dort stationiert?
      Liebe Grüße
      Enida & Tom

      1. Na dann freu ich mich schon auf Eure nächsten Folgen Eures Reiseberichts, Enida.

        Obwohl ich so ziemlich mein Leben lang mit dem österreichischen Militär verbunden war, hatte mein Aufenthalt in Kalifornien damit nichts zu tun. Mit meiner damaligen Frau zusammen waren wir für einen Realtor und seine Familie als Hausdame und Butler tätig. Etwas nördlich von SD, mit Blick auf den Pferderennplatz von Del Mar, hatten die auf einem der Hügel ein Anwesen, um das wir uns kümmerten.
        Bei der Miramar Airshow wurden (oder werden vielleicht noch immer) Amateurfunker aus Südkalifornien in die Organisation eingebunden, um "verloren gegangene" Personen, in der Hauptsache Kinder oder deren Eltern, zu lokalisieren und wieder zusammen zu bringen. Ich durfte Teil dieses "Rescue Squadron" sein.

        Euch wünsche ich weiterhin viel Spaß bei Euren Abenteuern, und kommt gesund und sicher wieder daheim an.

        ••K®IS••

        1. Cool! Dann werde ich mich mal beeilen, um unsere Berichte auf den neuesten Stand zu bringen 🙂
          Gesund daheim sind wir ja zum Glück - unser Heim ist ja unser Womo 🙂
          Verschlägt es dich denn immer noch ab und zu nach Kalifornien?

          Liebe Grüße
          Enida & Tom

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