Der Tod kommt meist unerwartet

Bis Reno sind es noch etwas über 200km, das sollte eigentlich eine gemütliche und entspannte Tagesetappe werden. Sollte …

„Müssen wir jetzt den ganzen Weg auf der holprigen Straße wieder zurückfahren, um auf die Hauptstraße zu kommen?“, frage ich etwas entmutigt.

Wir haben gestern unser Nachtlager auf der „Old 395“ - einer Parallelstraße zum Highway 395 - aufgeschlagen, und überlegen nun, wie wir am schnellsten wieder auf den Highway kommen.

Laut Navi müssen wir einfach nur ein Stück auf der holprigen Straße weiterfahren und kommen dann automatisch wieder auf die US395.
Das war - rückblickend betrachtet – nicht wirklich die beste Idee, die wir auf unserer bisherigen Reise hatten ...

Die Straße bleibt auch weiterhin ziemlich holprig, und als wir zu allem Übel auch noch eine nicht gerade vertrauenserweckende, ziemlich enge Brücke überqueren müssen, macht sich bei mir wieder das vertraute, mulmige Mexiko-Feeling bemerkbar. Wir haben hier keine Chance zu drehen, also müssen wir eine Entscheidung treffen: entweder die Brücke überqueren, in der Hoffnung, dass sie hält, oder die ganze Strecke wieder zurückfahren – im Rückwärtsgang ... Ich sage liebe nichts und überlasse die Entscheidung Tom, er ist schließlich der Fahrer und kann die Situation viel besser einschätzen. Nachdem er die Brücke ausführlich inspiziert hat, steht die Entscheidung fest.

„Passt“, sagt er, steigt ein und fährt langsam los.

„Ich mache drei Kreuze, wenn wir das hier unbeschadet überstehen“, denke ich mir insgeheim, während wir uns im Schneckentempo vorantasten.

Tom bringt uns sicher und unbeschadet über die Brücke, und dann geht es holprig weiter.

Wären wir doch bloß dieselbe Strecke zurückgefahren, über die wir auch gekommen sind! Wir haben jetzt schon so viel Zeit verloren, und haben es noch nicht mal bis auf die Hauptstraße geschafft. Naja, zumindest können wir sie jetzt sehen – eine Kurve noch, dann kommen wir wieder auf die US395.

Theoretisch.

In der Praxis wird das plötzlich zu einem Problem, denn es geht bergab.

Ziemlich steil.

Zu steil für unser Wohnmobil.

Mist!!! Was nun?

„Das brauchen wir gar nicht erst zu versuchen“, sagt Tom kopfschüttelnd. „Wir werden hinten aufsetzen.“

Tja, so ein langes Wohnmobil hat eben nicht nur Vorteile ...

Wie wir es auch drehen und wenden – wir haben keine andere Möglichkeit, als die ganze Strecke wieder zurück zu fahren. Im Rückwärtsgang – wenn schon, denn schon!

Ich habe keine Ahnung wie, aber Tom findet unterwegs eine Lücke und schafft es, auf engstem Raum (auf dem ich es wahrscheinlich nicht mal mit einem Smart probiert hätte) doch noch zu wenden. So können wir wenigstens wieder vorwärts holpern.

Und so erreichen wir - nach einigen Anlaufschwierigkeiten - wieder die Hauptstraße und können unsere Fahrt nun endlich fortsetzten.

Old_US395

Ein Highlight auf den amerikanischen Highways sind immer wieder die Baustellen, bzw. die menschlichen Baustellen-Ampeln. Da steht jemand und hat den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als das STOP-Schild zu drehen:

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Was hier auf den Straße auch keine Seltenheit ist: Ein Lkw mit 2 (!)  Anhängern!

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Wow, Respekt für den Fahrer!

Nachdem wir die Grenze von Kalifornien nach Nevada überquert haben, ist es nicht mehr weit bis Reno.

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Das ist unsere heutige Tagesetappe:

Wir haben uns in Reno den „Rivers Edge RV Park“ ausgesucht, der direkt an einem Fluss liegt und auf den ersten Blick einen super Eindruck macht:

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Dass direkt über uns ein Flugzeug vorbeidonnert, macht uns zuerst nicht skeptisch. Kann ja mal vorkommen.

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Als das jedoch im Minutentakt so weitergeht, werden wir langsam unruhig. So langsam dämmert es uns, dass wir uns hier in einer Einflugschneise befinden.

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Ein Blick auf die Karte bestätigt unsere Befürchtung – der Flughafen befindet sich direkt auf der anderen Seite des Flusses:

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Und die Flieger düsen im Minutentakt über unseren Köpfen hinweg.
Na toll. Was nun? Es ist schon spät und morgen geht es ziemlich früh los mit dem Heißluftballon-Event. Wir haben beide keine Lust, jetzt auf die Schnelle einen anderen Campingplatz zu suchen, also beschließen wir, zumindest eine Nacht hier zu bleiben und morgen nach einer anderen Lösung zu suchen. Vielleicht haben wir ja Glück und es gibt hier sowas wie ein Nachtflugverbot…

Um es vorweg zu nehmen: nein, gibt es nicht. Die Flieger haben auch nachts keine Gnade.

Schade, denn eigentlich ist der Campingplatz total schön und super angelegt. Naja, was soll´s, wir machen einfach das beste daraus…

„Oh, wir haben hier Internet? Dann kann ich ja schnell mal Nachrichten abrufen!“, freue ich mich, denn wir waren schon ein paar Tage nicht mehr online. Ich logge mich ein und sehe, dass meine Eltern mir geschrieben haben. Ein ungutes Gefühl beschleicht mich … Ich muss mich setzen …

„Was ist los?“ Tom merkt sofort, dass etwas nicht stimmt.

Mit Tränen in den Augen schaue ich ihn an und sage leise: „Oma ist gestorben …“

Mehr kriege ich nicht raus, denn der Kloß in meinem Hals wird immer dicker.

Tom schaut mich traurig an und ohne ein Wort zu sagen, nimmt er mich in den Arm und drückt mich ganz fest. Er braucht nichts zu sagen. Es tut gut, einfach nur die feste Umarmung zu spüren und eine Schulter zum Weinen zu haben …

Es war unsere „letzte“ lebende Omi, die jetzt im stolzen Alter von 92 Jahren ihre letzte Reise angetreten hat. Es tut weh. Es tut immer weh, sich von einem geliebten Menschen verabschieden zu müssen. Ich bin bei meiner Oma aufgewachsen und hatte eine sehr enge Bindung zu ihr.

Kurz bevor wir im Juni 2014 zu unserer Weltreise aufgebrochen sind, haben wir sie noch einmal besucht, und ich bin froh, dass ich ihr bei der Gelegenheit noch einmal sagen konnte, wie sehr ich sie liebe:

omi

Und dass ich gleichzeitig noch einmal spüren durfte, wie sehr auch sie mich liebt:

omi2

Einmal mehr wird mir bewusst, dass nicht jeder Abschied gleichzeitig bedeutet, dass es auch ein Wiedersehen geben wird. Denke daran, Deinen Lieben zu sagen, wie viel sie Dir bedeuten – Du weißt nie, wann das letzte „Auf Wiedersehen“ kommen wird …

Tom hat dazu eine wunderschöne Podcast-Folge aufgenommen:
Ein-Abschied-ohne-Wiedersehen-der-tod-kommt-meist-unerwartet

Morgen ist schon die Beerdigung, und wir sind 10.000km von Zuhause entfernt. Das macht mich nur noch trauriger …

Aber was bedeutet in so einer Situation schon räumliche Entfernung? Wir haben eine schöne Möglichkeit gefunden, zur Beerdigung meiner Oma trotzdem ganz nahe bei ihr zu sein. Wir sind in einem Heißluftballon zu ihr in den Himmel geflogen, haben für sie gebetet und konnten so ihre Nähe spüren …

Was für ein wunderschönes, intensives Erlebnis:

20150910_073553

Es ist der pure Wahnsinn: Weit über 100 bunte Heißluftballons aus der ganzen Welt haben sich hier versammelt und versprechen für die nächsten Tage einige spektakuläre Shows.

Für mich hat dieses Event jetzt schon eine ganz besondere Bedeutung. Da kann es doch keine Steigerung mehr geben, oder? Lassen wir uns mal überraschen ...


>>> So hat alles angefangen: 1 bis 2 Jahre Nordamerika – die Idee

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Hier geht es zum nächsten Beitrag: Das weltweit größte Heißluftballon-Festival

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6 thoughts on “Der Tod kommt meist unerwartet”

  1. Ohje. Tut mir Leid. Befinde mich in einer "ähnlichen Situation" gerade. Meine Großmutter wohnt 700km weg, über zwei Landesgrenzen, und ihr Gesundheitszustand hat sich im letzten halben Jahr verschlechtert, und in den letzten drei Wochen rapide.

    Hab sogar ein Tränchen vergossen :') Danke für den netten Text!

    1. Hallo lieber Flo,
      Danke für Deinen Kommentar!
      Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie Du Dich fühlst... Hast Du denn die Möglichkeit, Deine Oma nochmal zu besuchen? Ich bin mir sicher, sie würde sich sehr darüber freuen, wenn sie Dich noch mal sehen könnte. Lasse sie wissen, wie viel sie Dir bedeutet <3
      Alles Liebe,
      Enida

  2. Mal wieder sehr schön- wenn auch mit traurigem Inhalt ?.....
    Alles gute euch beiden und eine gesunde Weiterfahrt mit vielen schönen Erlebnissen!! Herbstliche Grüße aus Much (NRW) und bis bald, eure Dina ?

    1. Hallo liebe Dina,
      vielen Dank für Deinen lieben Kommentar. Wir schicken Dir ein paar Sonnenstrahlen und eine dicke Umarmung 🙂
      Liebe Grüße,
      Enida & Tom

  3. Oh das tut mir leid, mein herzliches Beileid.
    Meine Mutter ist im letzten Jahr gestorben, während wir eine schöne Zeit in Florida hatten. Sie war selbst eine "Weltreisende" ihr ganzes leben lang und hat immer gesagt, wenn es sie erwischen sollte während wir unterwegs sind, sollen wir so weitermachen, man könnte dann sowieso nichts mehr für sie tun. Natürlich ist man dann traurig gewesen, man hat schon den dicken Kloß im Hals, aber sie hat wenigstens nicht leiden müssen und hatte schon lange keine Lust mehr zu leben.
    Alles Gute weiterhin auf Eurer Reise.
    Liebe Grüße von Annelie

    1. Hallo liebe Annelie,
      danke für Deine lieben Worte. Es ist leider nun mal so, dass unsere Zeit auf dieser schönen Erde begrenzt ist. Da ist es umso wichtiger, dass wir die Zeit, die wir hier zur Verfügung haben, intensiv und sinnvoll nutzen. Das hat Deine Mutter offensichtlich getan - sie hat ihren Traum gelebt und war bestimmt sehr glücklich dabei. Und sie wünscht sich sicher nichts mehr, als zu sehen, dass auch Du glücklich bist, bei allem was Du tust. Unsere Lieben passen immer auf uns auf, egal wo sie gerade sind...
      Fühl Dich lieb umarmt.
      Enida & Tom

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