Wir schwitzen Blut und Wasser

Los geht´s! Noch schnell die Lebensmittel-Vorräte auffüllen und dann geht unser Abenteuer weiter!

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Vor uns wieder das typische Bild der mexikanischen Version von „Spring´ ins Auto, ich nehme dich ein Stück mit“:

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Unser Ziel ist das knapp 60km entfernte Cabo Pulmo, jedoch endet unsere Tagesetappe heute am Tropic of Cancer (Wendekreis des Krebses).

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(Die "Höhe über Meeresspiegel" kann ausgeblendet werden, indem man auf den gleichnamigen Schriftzug mit dem blauen Hintergrund klickt)

Man kann die Stelle eigentlich nicht verfehlen, da man sie schon von weitem wie eine kleine Oase aus der Wüste herausragen sieht:

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Bevor ich jedoch aus dem Wohnmobil aussteigen kann, erschrecke ich mich zu Tode, weil plötzlich ein großer Hund vor unserer Türe steht und uns misstrauisch beobachtet. Wir freunden uns aber schnell an und bereits nach wenigen Minuten frisst er mir schon aus der Hand.

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Irgendwie wollen wir die Tropen nicht wirklich verlassen und entscheiden uns spontan, hier am Wendekreis zu übernachten. Es ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen, also stellen wir uns mit unserem Fred einfach in den Hinterhof, in der Hoffnung, dass uns niemand verjagen wird.

Es hat uns niemand verjagt! Im Gegenteil! Wir sind nach wie vor ganz alleine hier und verbringen eine wunderschöne, ruhige Nacht an diesem schönen Platz. Am nächsten Morgen machen wir uns voller Tatendrang auf zu unserem nächsten Ziel.

Kristian und Fernanda haben uns die „Playa de Arbolito“ empfohlen, die etwa 5 km südlich von Cabo Pulmo entfernt ist. Auch Günther und Ilka waren total begeistert von der Gegend, sie sind sogar noch ein Stückchen weiter gefahren, bis nach Los Frailes. Dass wir uns Los Frailes abschminken können, war uns von Anfang an klar - für diese „Straße“ sollte man unbedingt ein Allrad-Fahrzeug haben. Aber zumindest die „Playa de Arbolito“ wollen wir uns anschauen.

Tja, was soll ich sagen… Das war nicht unbedingt die beste Entscheidung, die wir auf unserer Reise getroffen haben.

Bereits vor Cabo Pulmo hört die asphaltierte Straße auf und ab jetzt gibt es nur noch eines: Sand, Sand und nochmal Sand!

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Trotz Schneckentempo kommen wir relativ gut voran. Zumindest bis Cabo Pulmo. Es gibt definitiv hässlichere Gegenden und einen Moment lang überlegen wir, einfach hier zu bleiben. Hätten wir das bloß gemacht ...

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Wir sind einfach zu neugierig und beschließen daher, weiter zu fahren und zu schauen, wie weit wir mit unserem Schlachtschiff kommen.

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Die nächsten Kilometer kosten uns viel Schweiß und Nerven. Umkehren können wir nicht mehr, weil es keine Möglichkeit zum Drehen gibt. Tom muss permanent aussteigen, um die Festigkeit der „Straße“ zu testen. Wenn wir uns mit unseren 12 Tonnen hier festfahren, dann war´s das … Ich will gar nicht daran denken …

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Und wenn man glaubt, es kann nicht mehr schlimmer werden, wird man meistens doch noch eines Besseren belehrt. Wir kommen an die Abzweigung, die zur „Playa de Arbolito“ führt.

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Die Straße wird hier nochmal enger und wir überlegen lange, ob wir an dieser Stelle umdrehen und nach Cabo Pulmo zurück fahren sollen. Aber so kurz vor dem Ziel wollen wir dann auch nicht aufgeben und beschließen, uns vorsichtig weiter Richtung Strand zu tasten. Die Straße ist teilweise so eng, dass unser Wohnmobil von beiden Seiten ein hässliches Andenken von den Dornen bekommt. Die paar Kratzer sind jedoch nicht das Hauptproblem, die kann man später einfach rauspolieren. Aber die Straße! Grundgütiger!

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Jetzt wird selbst Tom nervös, obwohl er die Strecke bisher mit Bravour gemeistert hat. Ich habe größten Respekt vor seinen Fahrkünsten und bewundere ihn immer wieder, wenn ich sehe, wie er unser Schlachtschiff unter Kontrolle hat. Und jetzt hat selbst er Zweifel und das macht mich nervös … Ich beobachte ihn, wie er einen besonders kritischen Abschnitt immer wieder abläuft, auf der Suche nach einer Ideallinie.

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Mir wird ganz anders, wenn ich mir vorstelle, dass wir hier stecken bleiben. Nein, nein, nein! Bilder raus aus meinem Kopf!!!

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Wir haben keine andere Wahl und müssen es versuchen. Das Wichtigste ist, dass wir nicht stehenbleiben, wenn wir einmal losgefahren sind. Und dass kein Gegenverkehr kommt!

Ich fange an zu beten, als Tom den Gang einwirft und losfährt. Auch wenn ich am liebsten nicht hinschauen mag, zwinge ich mich dazu, das Manöver zu beobachten.

Keine Ahnung, wie er es gemacht hat, aber er hat es tatsächlich geschafft, unseren Fred durch den weichen Sand zu manövrieren ohne stecken zu bleiben!

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Ich glaube, der Stein, der mir vom Herzen gefallen ist, hätte ein Erdbeben auslösen können… Auch Tom sieht man die Erleichterung an. Ein paar Schweißperlen auf der Stirn und die feuchten Hände, die er sich an der Hose abwischt, lassen erahnen, was in ihm vorgegangen sein muss…

Der Strand ist wirklich schön und wir versuchen, uns zu entspannen und ihn ein bisschen zu genießen.

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So wirklich will sich aber keine Entspannung einstellen, denn uns ist die ganze Zeit bewusst, dass wir dieselbe Strecke auch wieder zurückfahren müssen.

Doch lassen wir Tom am besten selber erzählen, wie es sich aus Fahrersicht anfühlt, mit einem Schlachtschifft durch weichen Sand zu fahren…

Tom:
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Ich merke, wie ich nach wenigen Minuten am Strand wirklich keine Ruhe mehr habe. Und das passiert mir wirklich sehr selten.

Aus den frühen Jahren meiner Bundeswehrzeit weiß ich noch, wie es sich anfühlt, sich mit einem tonnenschweren LKW im Gelände festzufahren. Das ist mir genau einmal passiert. Um die Reifen wieder frei zu bekommen, haben wir damals gegraben wie die Weltmeister, Europaletten (welche wir auf der Ladefläche hatten) mit einem Vorschlaghammer unter die im Schlamm versunkenen Reifen geschlagen und ... ihn trotzdem nur mit Hilfe eines Panzers freischleppen können. Und da wir aktuell weder Europaletten, noch Vorschlaghammer und auch keinen Panzer dabei haben, werde ich nervös.

Gut, außer uns stehen noch drei große Pick-up-Trucks mit grobstolligen Reifen am Strand. Das wäre mein "Plan B". Ob die die Zugkraft eines Panzers ersetzen können … Wohl kaum. Hauptsache, die Jungs fahren nicht weg, bevor wir durch den weichen Abschnitt durch sind.

Das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung wohl kennend, nehme ich mir noch ein paar Minuten in meditativer Ruhe und füttere meine Gedanken mit positiven Affirmationen und Bildern der erfolgreichen Durchfahrt. Ich bin mir sicher, dass ich es schaffen werde.

Bevor ich losfahre, lasse ich etwas Luft aus den Reifen, damit sich die Auflagefläche im Sand vergrößert. Leider kann ich nicht zu viel Luft rauslassen, da wir hinten Zwillingsreifen haben. Die Gefahr wäre zu groß, dass sich dann beide Reifenwulste berühren würden, heißlaufen und dann platzen. Damit wären wir vom Regen in der Traufe …

Ich bitte Enida, sich eines unserer Funkgeräte zu schnappen und bis zur übernächsten Kurve, ca. 300m, vorzulaufen. Die einzige Möglichkeit durchzukommen ist, wenn ich in der einigermaßen festen Fahrspur (wobei „fest“ in diesem Fall sehr relativ ist) bleibe und auf keinen Fall anhalten muss. Auf der Hinfahrt bin ich mit ca. 20km/h gefahren und bin so gerade mit Schrittgeschwindigkeit durchgekommen. Der weiche Sand bremst unheimlich ab und Beschleunigen ist mit solch einem Schiff völlig unmöglich. Leider ist mein Anlaufweg jetzt kürzer…

„Ich bin an der Kurve“, höre ich Enida sagen.

„Alles klar. Kam Dir ein Auto entgegen?“, frage ich zurück.

„Nein. Alles frei und ich höre auch keine Autos kommen.“

„Ok. Dann komme ich jetzt. Bitte lasse auf keinen Fall ein Auto durchfahren! Ich lege Funk jetzt weg und kann auch nicht drangehen, wenn ich einmal losgefahren bin. Ich hoffe sehr, dass Du mich nicht mehr per Funk hörst, bevor Du mich siehst. Drück die Daumen.“

„Alles klar. Du schaffst das! Viel Erfolg.“

„Danke. Klar. Ich fahre los.  Bis gleich.“ – und schicke Enida noch einen Kuss durch´s Funkgerät.

Ich starte Fred. Scheiße, bin ich nervös! Ich fahre erst rückwärts, um einen möglichst langen Anlauf zu bekommen. Ich spüre, wie meine Hände immer nasser und das Lenkrad immer rutschiger wird. Ich fokussiere die schmalen Fahrspuren, lege den Schalthebel auf D und gebe Vollgas. Freds Dieselmotor heult lautstark auf. Die 12 Tonnen setzen sich schwerfällig in Bewegung. 10km/h ... 15km/h ... "Komm Alter, lass mich nicht hängen“, höre ich mich, wie ich es Fred zurufe. 25km/h … 30km/h … Na geht doch! Das sollte klappen. Mit knapp 40km/h erreiche ich den weichen Sand. Ich treffe genau die Fahrspur und Fred schiebt kräftig vorwärts. Ich manövriere Fred genau wie geplant durch die erste Kurve … Plötzlich bricht er mir vorne aus. Wir sind für die Kurve zu schnell und ich spüre wie es meine Vorderräder nach links wegzieht und ich ins „Leere“ lenke. Radikal verliere ich Geschwindigkeit. Scheiße! Scheiße! Scheiße! Jetzt nur keine hektischen Lenkbewegungen. Es fühlt sich an wie fahren auf Glatteis oder Schnee. Wenn man übersteuert, ist man verloren. Vorsichtig lenke ich Fred wieder zurück in die Spur und spüre, wie er nicht wieder richtig in die Spur „springen“ will.

Plötzlich spüre ich einen Ruck am Lenkrad und einen Lenkwiederstand. Geil! Ich bin wieder drin. Aber viel zu langsam! Ich habe 20km/h verloren. Das wird eng. Ich schwitze wie in der Sauna ... Die erste Kurve ist geschafft. Ich kann meine Maus schon sehen. Sie gibt mir ein OK, dass die Straße immer noch frei ist. Noch ca. 100m und nur noch 15km/h ... ich spüre, wie Fred an Geschwindigkeit verliert. Das gibt´s doch nicht!

„Zieeeehhh!“, feuere ich Fred an. Ich sehe im Seitenspiegel, wie die Hinterreifen Sand aufwirbeln. Zu viel Sand. Ich gehe etwas vom Gas. Das könnte klappen. Noch 50m und immer noch fast 15km/h ... Yeah, das klappt. Das klappt. Das KLAPPT ... Ja wie GEIL!!! Ich sehe wie Enida vor Freude durch die Gegend springt und auf mich zugerannt kommt. Wir haben es wieder mal geschafft. Wow ... Eine riesen Last fällt gerade ab. Mein Shirt ist völlig durgeschwitzt und mir läuft das Wasser von der Glatze, als wenn ich unter der Dusche stehen würde ...

Ich setze mich kurz raus in Freds Schatten, genieße den Wind und die Ruhe. Ich spüre eine unheimliche Dankbarkeit und Freude. Der Rest zurück bis Cabo Pulmo ist jetzt nur noch ein Kinderspiel ...

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Wir sind heilfroh, als wir wieder in Cabo Pulmo ankommen.

Das war unsere heutige Strecke vom Wendekreis des Krebses nach Cabo Pulmo:

(Die "Höhe über Meeresspiegel" kann ausgeblendet werden, indem man auf den gleichnamigen Schriftzug mit dem blauen Hintergrund klickt)

Jetzt müssen wir nur noch einen schönen Stellplatz am Strand finden.

Da wir mal wieder alleine sind und somit „freie Auswahl“ haben, stellen wir uns einfach an ein windgeschütztes Plätzchen hin, lehnen uns zurück und genießen es zu spüren, wie die Anspannung von uns abfällt.

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Am nächsten Morgen genießen wir einmal mehr den Blick aus dem Schlafzimmerfenster:

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Nach dem Frühstück erkunden wir erstmal die Gegend und beschließen spontan, dass wir es hier ein paar Tage aushalten können:

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Mit unseren Wasservorräten kommen wir etwa eine Woche aus, also machen wir es uns bequem und genießen ein paar entspannte Tage mit viel Sonnenschein:

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Als unsere Vorräte langsam zur Neige gehen, packen wir zusammen und machen uns auf den Weg zu unserer nächsten Station: das Städtchen La Ribera, etwa 30 km nördlich von Cabo Pulmo. Warum wir dort unseren Erste Hilfe Koffer brauchen werden, erzählen wir im nächsten Blogbeitrag.


>>> So hat alles angefangen: 1 bis 2 Jahre Nordamerika – die Idee

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6 thoughts on “Wir schwitzen Blut und Wasser”

  1. Hallo Ihr zwei. Eine tolle Reise macht ihr. Und Eure Berichts sind echt klasse.
    Aber ich bin ein bißchen verängstigt da der letzte Bericht aus April ist. geht es Euch gut?
    Schöne Grüße und ich hoffe Euch geht es gut und ihr genießt weiterhin die tolle Reise

    1. Hi Christoph,
      danke für Deinen Kommentar. BEi uns ist alles gut. SInd nur "dezent" in Verzug *räusper* mit den Berichten. Wir posten die Berichte immer mit dem richtigen Datum, damit unsere Reisen für andere Reisende nachvollziehbar sind. D.h., auch wenn wir kommende Woche einen neuen Artikel posten, wird der z.B. als Artikeldatum den xy.April 2015 bekommen, ach wenn wir ihn jetzt schreiben. Wir versuchen aufzuholen, was aber nciht so einfach ist, wenn man viel erlebt. Denn viel Erleben heißt auch viel Schreiben 😉 Und wir wollen ja auch spannend schreiben 😉
      Aber wir geloben BEsserung 🙂
      Sonnige Grüße aus San Diego,
      Tom

    1. Hallo Hupsi,
      danke für Deinen Kommentar. Ja, ja, Asche auf unser HAupt.... ich weiß, wir sind "ein wenig" in Verzug *räusper*. Wir geloben aber BEsserung. In der kommenden Woche wird wieder mindestens ein neuer Artikel veröffentlicht werden 😉
      Sonnige Grüße aus San Diego,
      Tom

  2. Hey ihr 2, sehr cooler Bericht! Bin selbst ganz nervös geworden beim Lesen. Außerdem hat es mich an meine Fahrt zu einem Strand hier in Cost Rica erinnert, das war mehr ein Trampelpfad als eine Straße und super steil. Da bin ich mit unserem Toyota auch mal kurzzeitig hängengeblieben (aber da ich Palette, Hammer und Panzer dabei hatte, kein Problem 😉 ) Ich glaube ich muss mal wieder einen neuen Bericht auf meinem Blog schreiben, hahaha. Liebe Grüße und Pura Vida!

    1. Hey Markus,
      danke für Deinen Kommentar. Da bin ich ja beruhigt, dass Du die "notwenigsten" Tools dabei hattest. Wir werden demnächst auch aufrüsten und nicht mehr ohne Bergepanzer weiterfahren 😉
      Freuen uns schon drauf, wenn wir in Costa Rica ankommen und Euch dort besuchen werden 🙂
      Sonnige Grüße aus San Diego,
      Tom

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