Mit dem Speedflyer an der Steilklippe

“Wofür hast du deinen Speedy eigentlich mitgenommen?”, frage ich Tom süffisant, um ihn ein wenig zu ärgern. „Das Ding nimmt einfach nur wertvollen Platz im Schrank weg“, füge ich hinzu, während ich mich abmühe, den Staubsauger hinter den Speedy zu hieven.

„Speedy“ ist Toms Kosename für seinen Speed-Flyer, der eigentlich gar nicht so niedlich ist, wie der Name vermuten lässt. Dieser Mini-Schirm, (eine Mischung aus Fallschirm und Gleitschirm) ist so etwas wie der Formel 1–Wagen der Lüfte. Die Jungs erreichen damit derart halsbrecherische Geschwindigkeiten, dass es einem als Zuschauer kaum möglich ist, Fotos zu machen, und während sie in der Luft (sehr zum Leidwesen der Angehörigen) die spektakulärsten Kunststücke vorführen, wird dem braven Beobachter am Boden alleine schon vom Zuschauen schlecht …

 „Lass mich das machen“, sagt Tom, nimmt mir den Staubsauger aus der Hand und verstaut ihn mühelos an seinen Platz. „Aber du hast schon irgendwie Recht“, sagt er mit einem Hauch von Sehnsucht in der Stimme, „ich bin wirklich schon lange nicht mehr geflogen.“

„Probiere es doch mal in Torrey Pines“, schlägt Dima vor, „das ist hier ein beliebter Treffpunkt für Gleitschirmflieger.“

Toms Augen leuchten für einen kurzen Moment auf, er bleibt aber skeptisch, da er weiß, dass – nur weil die Gleitschirmflieger hier fliegen dürfen – es noch lange nicht bedeutet, dass Speedflyer auch zugelassen sind.

Aber man kann es ja darauf ankommen lassen!

Wir machen unser Wohnmobil abfahrbereit, da wir im Anschluss weiter Richtung Norden fahren wollen -  Kevin hat uns zu seiner "4th of July-Party" eingeladen, was hier in den USA immer ein ganz besonderes Erlebnis ist. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen!

Adisa und Dima begleiten uns zu „Torrey Pines“. Sie haben noch nie einen Speedflyer in Action gesehen und sind ganz neugierig geworden, nachdem Tom ihnen ein paar halsbrecherische YouTube-Videos aus der Szene gezeigt hat …

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Schon von weitem sehen wir jede Menge Gleitschirmflieger …

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Speedflyer sehen wir am Himmel jedoch keine.

Der Platz ist perfekt zum Fliegen – zumindest für die Gleitschirmflieger. „Zu wenig Wind“, stellt Tom fest, nachdem er den Platz begutachtet hat. Dima schaut ihn mit großen Augen an, und bevor er fragen kann, wieso denn trotzdem so viele Flieger in der Luft sind, klärt Tom ihn auf: “Bei dem Wind habe ich nicht genug Auftrieb. Für mich wird´s erst interessant, wenn die Gleitschirmflieger nicht mehr fliegen können, weil der Wind zu stark ist.“ Seine Augen fangen bei der Vorstellung an zu leuchten – wie immer, wenn er den Geschwindigkeitsrausch spürt …

„Wir können Dir hier leider keine Starterlaubnis erteilen“, bestätigt der verantwortliche Fluglehrer Toms Vermutung. Er ist selber auch Speedflyer und spricht das aus, was Tom sich schon gedacht hat: „Du kannst keinen Lkw mit einem Formel 1-Wagen auf dieselbe Rennstrecke lassen.“

„Wo kann man sich denn hier mit dem Speedy so richtig austoben?“ Tom lässt nicht locker, da er weiß, dass es in Kalifornien eine große Speedfliyng-Szene gibt.

„Am besten fährst du nach Soboba“, sagt der Mann. „Dort befindet sich die weltweit größte Speedflying-Schule und da kannst du dich nach Lust und Laune austoben. Da ist für jeden Schwierigkeitsgrad etwas dabei.“

Tom schaut direkt auf der Karte nach und stellt fest, dass Soboba nur 150 km nördlich von San Diego liegt:

San_Diego_nach_Soboba

„Ist gebongt!“, sagt er voller Vorfreude. „Dann machen wir heute einfach ein bisschen Groundhandling und lassen es dann in Soboba so richtig krachen!“

Schnell findet er ein passendes Plätzchen am Berg und bereitet unter Dimas kritischem Blick seinen Speedy aus:

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Die Bedingungen sind perfekt, um ein paar „Trocken-Übungen“ zu machen und Tom hat sichtlich Spaß daran, mit dem Wind zu spielen:

„Meinst du, ich kann das auch mal ausprobieren?“, fragt Dima, der Tom die ganze Zeit bei seinen Übungen fasziniert beobachtet.

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„Na klar!“ Wenn es darum geht, jemanden fürs Speedflying zu begeistern, ist Tom sofort dabei! Nach einer kurzen Einweisung erweist sich Dima als wahres Naturtalent. Er schafft es in kürzester Zeit, den Schirm oben zu halten und in dem Wind zu steuern:

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Adisa beobachtet das Spektakel lieber aus sicherer Entfernung:

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Nachdem sich die Jungs ausgetobt haben, hängen wir gemeinsam noch ein bisschen rum, relaxen und quatschen:

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So, bevor es gleich dunkel wird, wird der Schirm zusammengepackt…

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… und dann machen wir uns auf den Weg nach Encinitas, um Kevin und seine Familie zu besuchen. Adisa und Dima werden uns dort besuchen, daher fällt uns der Abschied nicht allzu schwer.

(Die “Höhe über Meeresspiegel” kann ausgeblendet werden, indem man auf den gleichnamigen Schriftzug mit dem blauen Hintergrund klickt)

Da wir nicht wissen, wie lange wir bei den McClaves bleiben werden, wollen wir vorher noch unsere Vorräte auffüllen und machen daher noch einen kleinen Abstecher zum Walmart. Dort werden wir von Kevin, seiner Frau Mel und den beiden Kids Mae (8) und Kai (11) aufgegabelt, die gerade von einer Party kommen und auf dem Heimweg unseren Fred erkannt haben.

Welche Überraschungen bei unserer neuen Gastfamilie auf uns warten, verraten wir im nächsten Beitrag.


>>> So hat alles angefangen: 1 bis 2 Jahre Nordamerika – die Idee

Hier geht es zum vorherigen Beitrag: Entgegen aller Warnungen – zu Fuß über die Grenze nach Tijuana (Mexiko)

Hier geht es zum nächsten Beitrag: California Dreamin’

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