2680m – ACHTUNG: Absturzgefahr

Wir stellen den Wecker auf 06:15 Uhr. Wohlgemerkt: 06:15 Uhr MORGENS! Also noch deutlich vorm Aufstehen. Und das Teil weckt uns auch tatsächlich um diese Uhrzeit… Als ich die Piepstöne wahrnehme, geht mir genau eine Frage durch den Kopf: Warum so früh? Und warum überhaupt? Ich brauche ein paar Sekunden um meine Gedanken zu ordnen und da fällt´s mir ein: Gipfelsturm! Auf einmal bin ich hellwach, mache ein Foto von meiner Uhr (sonst glaubt es uns ja keiner) und wecke meine Maus, die den Wecker nicht gehört – oder gekonnt ignoriert - hat.

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Wir haben es vorgezogen, die Nacht auf einem Pull-out, also einer kleinen Ausbuchtung mit Picknick-Plätzen zu verbringen. Auch wenn dieser direkt an der Hauptstraße liegt, ist die Nacht sehr ruhig, weil so gut wie keine Autos vorbeikommen.

Ein Blick aus dem Fenster bestätigt: es wird ein geiler Tag! Blau-roter Himmel und die Sonne ist auch gerade dabei aufzuwachen. Wenige Minuten später, färbt diese auch die gegenüberliegenden Felsen in verheißungsvolle Rot-Töne.


Also schnell raus aus dem Bett, fertig machen und zum Parkplatz des Visitor-Centers fahren, denn von dort aus geht es los.

Auf unserem heutigen Plan steht die Gipfelbesteigung des Mt. Guadalupe, der mit ca. 2680m der höchste Berg in Texas ist. Laut Auskunft der Ranger benötigt man für die Gipfeltour um die 8 Stunden Gehzeit – hin und zurück. Also eine überschaubare Strecke, die gut an einem Tag zu machen ist. Da wir uns hier immer noch in der Wüste bewegen, ist unterwegs leider nicht mit Bachläufen zu rechnen, so dass wir unser gesamtes Wasser selber tragen müssen. Wir rechnen für diese Tour mit einer Gallone pro Person für die Tour. Blöderweise gibt es immer noch kein Trekking - freundliches ultraleicht- Wasser, so dass alleine unser Trinkwasser ca. 8 kg ausmachen wird. Der Vorteil ist unbestreitbar: Mit jedem Schluck wird der Rucksack leichter. Das ist mir jedoch noch nicht genug. Ich liebe es, Dinge zu optimieren. Und da die Strecke kein Rundweg, sondern ein klassischer Bumerang (gleiche Strecke hin und zurück) ist, packe ich unser gesamtes Wasser in unser großes 3L- Camelbak (Trinkrucksack) und den Rest in 0,5L-Flaschen, teile es gleichmäßig auf Höhenmeter und Streckenmeter auf. Der Plan: alle 1.000m verstecken wir 2x 0,5L-Flaschen. Das Camelbak soll bis zum Gipfel reichen. Für den Rückweg haben wir dann die Wasserflaschen – sofern wir alle wieder finden 😉

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Aber jetzt geht´s erst mal los. Es ist 07:30 Uhr und noch richtig frisch. Daher auf jeden Fall erst mal die kuschelige Fleecejacke anziehen. Noch leicht schlaftrunken - es ist wirklich nicht unsere Zeit - schlendern wir gemütlich zum Fuß des Berges. Die ersten Meter bis zum Beginn des Aufstiegs gehen noch über den angeschlossenen Campground - ein normaler Trampelpfad, der nichts von einem abverlangt. Es dauert nur wenige Minuten, und wir sind hellwach. Wir wissen, dass auch hier, insbesondere in den frühen Morgenstunden, mit Pumas und Schwarzbären zu rechnen ist. Ich bemühe mich, leise zu gehen, doch plötzlich trete ich gegen ein paar Steine, mache Lärm und plötzlich ist rechts neben mir die Hölle los. Wildes rascheln, Getrampel und Hektik. Ich bin hellwach. Verdammt, was ist das? Ein Blick zur Seite klärt es auf und ich sehe folgendes:

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Alles gesehen? Falls nicht, hier sieht man es besser:

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Also gar kein Grund zur Panik. Dass diese „Raubtiere“ einen auch immer so erschrecken müssen… 😉

Auf den ersten Metern des eigentlichen Aufstiegs wiederholt sich das Spiel ein paar Mal. Diesmal fallen wir jedoch nicht mehr auf das Erschreck-Spiel rein. Es ist lustig zu sehen, wie neugierig die Rehe hier sind. Vermutlich wissen die, dass denen hier im Park nichts passiert und die auch nicht gejagt werden dürfen. Vermutlich zeigen sie auch deshalb nur wenig Scheu und lassen sich von Wanderern kaum beirren, sofern ihnen diese nicht zu nahe kommen. Nach ca. 10 Minuten sind wir langsam auf Betriebstemperatur und machen eine Zurr-Rast. Durch die Bewegung wird es warm und bevor wir anfangen zu schwitzen, entledigen wir uns unseren Fleecejacken. Danach geht es weiter.


Der erste Kilometer ist rum und somit haben wir unser erstes Wasserdepot erreicht. Enidas GPS-Uhr vibriert nach jedem Kilometer, so dass wir auf dem Rückweg auch kein Depot vergessen können. Sobald das geschieht, suchen wir uns innerhalb der nächsten 100m eine markante Stelle, also einen besonders auffälligen Baum, Felsbrocken o.ä. und lagern dort 2 Wasserflaschen. Kurze Zeit diskutiere ich mit meiner Maus über das Wort „lagern“. Meine Definition lautet: „so, dass die Flaschen auf den ersten Blick nicht sichtbar sein dürfen, jedoch beim genauen Hinsehen gefunden werden können. Und zwar ohne, dass man erst mit einem Bagger, Radlader oder Sprengstoff die Felsen, Baumstämme und sonstiges Material auf Seite räumen muss.“ Meine Maus will aber auf „Nummer sicher gehen“ und versteckt die Flaschen so gut, dass man sie überhaupt nicht mehr sieht – egal von welcher Seite man schaut. Aus meiner aktiven Dienstzeit habe ich einen sehr alten, aber weisen Lehrspruch behalten: Lernen durch Schmerzen. Denn das merkt man sich. Um einer längeren Diskussion aus dem Weg zu gehen und damit meine Maus merkt, warum ich die Flaschen nur lagern und nicht verstecken will, lasse ich sie es so machen, wie sie es für richtig hält. Und sie versteckt diese gut. Sehr gut. Also wirklich SEHR gut. Zur Sicherheit machen wir von jeder Stelle ein Foto und wählen wirklich markante Stellen aus. Mal schauen wie viel wir auf dem Rückweg trinken werden… 😉
Hier sind solche Wasserdepots:


Der Pfad schlängelt sich serpentinenförmig den Berg hinauf. Je höher wir kommen, desto schöner wird der Ausblick:


Und im folgenden Bild, beim nächsten Wasserdepot, gibt es eine Aufgabe für Dich, lieber Leser: Finde mich! Hast Du mich entdeckt, wo ich die Wasserflasche gerade hinlegen will? 🙂

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Hast Du mich im Suchbild gefunden? Falls ja: Gratulation, Du hast echt gute Augen. Falls nein, mach Dir nichts draus. Es ist wirklich nicht leicht. Da sieht man mal, wie Tarnkleidung wirken kann. Die Auflösung findest Du weiter unten… 😉

Wir kommen dem Gipfel langsam näher. Über die verschiedenen Höhenmeter merken wir richtig, wie sich die Vegetation ändert. Auf einem kleinen Stück haben wir sogar das Gefühl, dass wir durch einen deutschen Kiefernwald wandern.

Auf den letzten Höhenmetern laufen wir fast die ganze Zeit am Grat entlang, so dass wir immer mal wieder zu jeder Seite einen fantastischen Ausblick genießen dürfen. An einigen Stellen wir der Pfad ziemlich schmal. Hier sollte man besser nicht stolpern – und auf jeden Fall schwindelfrei sein 😉


Endlich! Nach einigen Stunden wunderschönem und teilweise anstrengendem Aufstieg haben wir es endlich geschafft. Wir sind auf 2.677m am Gipfel des Mt. Guadalupe, dem höchsten Berg von Texas!

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Das GPS zeigt zwar 2.680m, aber die Höhenangaben über Satellit sind nie so korrekt wie Seitenangaben. Also glauben wir der Karte, auch wenn 2680m sich cooler anfühlt.

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Oben angekommen geht erst mal, neben dem High-Five und dem obligatorischen Berg-Heil Kuss, die Foto-Orgie los:


Und bevor wir wieder ins Tal absteigen, darf natürlich der Eintrag ins Gipfelbuch nicht fehlen.


Wie auf den meisten Gipfeln ist es auch hier ganz schön windig. Deshalb steigen wir erst mal wieder ein paar Meter ab, bevor wir die verdiente Gipfelrast machen.


Als wir weitergehen wollen, fällt mir mein linker Schuh ins Auge. Irgendwie sieht er anders aus... Och nöööö, schlechtes Timing! Ausgerechnet jetzt löst sich an meinem Bergschuh die Sohle. Das war genau der Stiefel, über den das heiße Motoröl spritzte, als wir beim zweiten Versuch die Black Gap Road zu fahren, an einem Felsbrocken das Motorgehäuse zertrümmert haben. Na ja, ich bin guter Dinge. Schließlich ist das ein guter alter Lowa Bergschuh, der mir schon seit 14 Jahren (!) treue Dienste erweist. Da wird er wohl die paar Höhenmeter auch noch durchhalten. Wäre ja gelacht, wenn nicht!

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Ein paar Meter weiter sehe ich eine wunderbare Felsnase über den Abgrund hinausragen. Sicherlich ein guter Absprungplatz zum BASE-Jumpen (Fallschirmspringen). An mangelnder BASE Erfahrung (nein, das habe ich wirklich noch nie gemacht) und natürlich auch an Ermangelung eines Fallschirms, begnügen wir uns hier mit ein paar Fotos. Nach anfänglicher Skepsis traut sich meine Maus auch an die Kante und genießt es sichtlich:


Auf dem Weg ins Tal dürfen wir unsere Wasserdepots natürlich nicht vergessen. Auch wenn wir im Camelbak immer noch Wasser haben, wollen wir doch unsere Flaschen mitnehmen – sofern wir sie finden 😉

Die kurze Diskussion über „Lagern“ und „Verstecken“ ist schon ein paar Stunden her, aber wir erinnern uns beide noch sehr gut daran. Um den Lerneffekt zu verstärken, geht meine Maus vor und soll die Depots finden. Dass sie am ersten Depot schnurstracks vorbei marschiert merkt sie erst, als sie feststellt, dass ich auf einmal stehen geblieben bin. Ein fragender und unschuldiger Blick geht den Worten: „Ist hier schon das erste Depot?“ voraus. Ich muss nichts sagen, ein Lächeln reicht. Enidas Blick wird noch unschuldiger. Sie schaut sich um und stellt fest, dass die Flaschen ja eigentlich nur an diesem einen Baum liegen können. Schnell und zielsicher springt sie rüber, um dann fest zu stellen, dass sie da nichts sieht. Enttäuscht schaut sie zu mir rüber und zuckt mit den Schultern. „Bist Du Dir sicher?“, frage ich sie. „Weißt Du jetzt, warum ich die Flaschen nur sichtgeschützt lagern, und nicht von allen Seiten atombombensicher vergraben wollte?“ Daraufhin streckt sie mir doch tatsächlich die Zunge heraus und schaut jetzt einfach auch mal hinter dem kleinen Steinhaufen nach. Denn genau dort habe ich die Flasche einfach nur so hingelegt, dass man sie vom Weg aus nicht sehen kann.

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Nach diesem kleinen Hinweis findet sie die Flasche gleich, kommt grinsend zurück, streckt mir erneut die Zunge heraus, nennt mich „Klugscheißer“ und läuft schnell ein paar Meter weiter. So ein Frechdachs! Na warte, Fräulein! Eine kleine Hetzjagd beginnt auf der Höhe des kleinen Kiefernwaldes und nach einigen Metern hat der Jäger das Häschen erwischt. Nach dem traditionellen Frechdachsmausschinkenklopfen geht´s dann weiter. Enida kann es kaum erwarten, das nächste Wasserdepot zu finden.


Der Abstieg vergeht wie im Flug, so wie der ganze Tag. Nach insgesamt 7 Stunden sind wir wieder im Tal angekommen.

Peak

Genau richtig, denn jetzt haben wir noch eine Stunde Zeit, um unser „Guadalupe Junior Ranger“ Abzeichen zu machen. Wobei ich mich entschieden habe, diesmal den „Senior Ranger“ zu machen. Außer einem anderen Abzeichen, bringt es mir erneut den Titel „Klugscheißer“ ein. Und meiner Maus das Frechdachs-Mausschinkenklopfen, was wir aber ins Wohnmobil verlegen… 😉


Auf dem Weg zu Fred, unserem Wohnmobil, bleibe ich auf einmal ehrfurchtsvoll stehen. Wir kommen an einer Agave vorbei. Dies ist in der Chihuahuan Wüste nichts Besonderes, denn die wachsen hier überall. Diese hier IST aber etwas ganz Besonderes. Denn diese blüht gerade! Warum das etwas Besonderes ist? Eine Agave wächst ca. 30 Jahre und sie blüht nur einmal im Leben. Danach stirbt sie. Es ist also durchaus ein besonderer Anblick. Eine Pflanze in einem ganz besonderen Moment in ihrem Leben zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass sie jetzt sterben wird.

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Ist die Natur nicht faszinierend? Erst wenn man seine schönsten Blüten zeigen konnte, man sein Ziel und die absolute Perfektion erreicht hat, erst dann stirbt man. Diese Erkenntnis hat für mich etwas Beruhigendes. Und dieser Moment macht mich gleichzeitig stolz und froh aber trotzdem auch ein bisschen traurig.

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Damit wir noch das letzte Tageslicht ausnutzen, machen wir uns schnell auf den Weg in Richtung El Paso, hier soll unsere nächste Übernachtung sein.

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Wir merken, dass wir in den Bergen sind. Das Thermometer ist kurz vor Sonnenuntergang auf nur noch 37°… Fahrenheit! Das sind in etwa +3°C… Mit anderen Worten: verdammt kalt. Also rein ins Wohnmobil, Heizung an und los geht´s!

Als wir den Highway Richtung Westen fahren erlauben uns der El Capitan und auch der Mt Guadalupe noch ein paar wunderschöne Blicke und beide verabschieden sich mit einem gigantischen Sonnenuntergang. Was für ein Tag. Danke Universum!


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Und hier ist sie endlich…Die Auflösung vom Bild „Finde mich am Wasserdepot“:

Das folgende Bild zeigt mich in Nah-Aufnahme, an der gleichen Stelle wie auf dem Suchbild. Schaue es Dir noch einmal an. Auf dem Suchbild befinde ich mich an dem Baum, welcher vorne links im Bild ist. Beim genauen Hinsehen siehst Du, wie ich auch noch eine Wasserflasche in der Hand habe.

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>>> So hat alles angefangen: 1 bis 2 Jahre Nordamerika – die Idee

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2 thoughts on “2680m – ACHTUNG: Absturzgefahr”

  1. Hallo Ihr beiden,
    was soll ich sagen? Dankeschön für den tollen Bericht und die Fotos! Ich will Euch ja nicht den ganzen Reisebericht zuspammen, aber ich war wieder absolut begeistert, das musste ich zwingend loswerden. Und ich darf sicher auch zugeben, dass ich den nächsten Bericht schon sehnsüchtig erwarte.
    Viele Grüße aus Berlin.
    PS an den Klugscheißer (finde ich irgendwie gut :-): An der Tarnung von Trinkflasche und Wanderstock besteht noch Optimierungsbedarf...

    1. Hi Concordino,
      keine Angst, wir mögen Kommentare im Blog 😉
      Danke für das Lob - das mögen wir auch 🙂
      Bzgl der Tarnung/ Suchbild: Das Suchbild war ja auch für Laien- und nicht für Adleraugen 😉
      Gruß vom Klugscheißer 😉
      Tom

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